Zum ersten Mal die Matte für eine Ashtanga-Klasse auszurollen, kann sich gleichzeitig aufregend und einschüchternd anfühlen. Die disziplinierten Sequenzen, die Sanskrit-Namen der Haltungen, die Hitze, die mit jedem Sonnengruß im Körper aufsteigt – das ist eine ganz andere Welt als eine sanfte Dehnstunde. Dieser komplette Guide zu Ashtanga Yoga für Anfänger entmystifiziert die Praxis, führt dich durch die Philosophie, erklärt die berühmte Primary Series und gibt dir das Selbstvertrauen, loszulegen. In der Swaastik Yog School in Rishikesh haben wir tausende Anfänger durch ihre erste Ashtanga-Reise begleitet, und wir wissen genau, welche Fragen aufkommen und wie man sie beantwortet.
Was ist Ashtanga Yoga? Die Grundlagen verstehen
Ashtanga Yoga ist ein dynamischer, körperlich fordernder Yogastil, der einer festgelegten Abfolge von Haltungen folgt, die jedes Mal in derselben Reihenfolge geübt werden. Systematisiert wurde er von Sri K. Pattabhi Jois in Mysore, Indien, auf Grundlage der Lehren, die er von seinem Guru Tirumalai Krishnamacharya erhalten hatte. Das Wort „Ashtanga“ stammt aus dem Sanskrit: „Ashta“ (acht) und „Anga“ (Glied) – es bezieht sich auf den achtgliedrigen Pfad, den Patanjali in den Yoga Sutras beschreibt. Anders als beim freien Vinyasa, bei dem Lehrer ihre eigenen Sequenzen gestalten, hat Ashtanga feste Serien, die Praktizierende Schritt für Schritt durcharbeiten.
Was Ashtanga einzigartig macht, ist die Verbindung von strenger körperlicher Praxis mit tiefer philosophischer Verwurzelung. Es ist nicht bloß Training – es ist ein vollständiges System für die spirituelle Entwicklung. Die körperlichen Haltungen sind nur eines von acht Gliedern, und wer Ashtanga ernsthaft praktiziert, beschäftigt sich mit allen.
Die acht Glieder des Ashtanga Yoga
Bevor du in die körperliche Praxis eintauchst, solltest du als Anfänger den philosophischen Rahmen verstehen, der Ashtanga Yoga für Anfänger seine Tiefe und seinen Sinn gibt. Diese acht Glieder sind ein Wegweiser für ein bedeutungsvolles, zielgerichtetes Leben.
1. Yama (ethische Grundsätze)
Die Yamas sind moralische Leitlinien für unseren Umgang mit der Welt: Ahimsa (Gewaltlosigkeit), Satya (Wahrhaftigkeit), Asteya (Nicht-Stehlen), Brahmacharya (Maßhalten) und Aparigraha (Nicht-Anhaften). Auf der Matte erinnert uns Ahimsa daran, nicht in die Verletzung hinein zu üben, und Satya fordert uns auf, ehrlich mit unseren aktuellen Fähigkeiten umzugehen.
2. Niyama (persönliche Verhaltensregeln)
Die Niyamas regeln unsere Beziehung zu uns selbst: Saucha (Reinheit), Santosha (Zufriedenheit), Tapas (Disziplin), Svadhyaya (Selbststudium) und Ishvara Pranidhana (Hingabe an eine höhere Kraft). Tapas ist das, was dich um 6:00 Uhr morgens auf die Matte bringt. Santosha ist das, was dich gelassen bleiben lässt, wenn eine Haltung unmöglich erscheint.
3. Asana (Körperhaltungen)
Das ist es, was die meisten Menschen unter „Yoga“ verstehen. Im Ashtanga werden die Asanas in festgelegten Sequenzen geübt, die den Körper reinigen und die Kraft und Beweglichkeit aufbauen sollen, die für die Meditation nötig sind.
4. Pranayama (Atemkontrolle)
Ashtanga nutzt während der gesamten Praxis die Ujjayi-Atmung – einen langsamen, kontrollierten Atem mit leichter Verengung im Hals, die einen hörbaren, meeresrauschenähnlichen Klang erzeugt. Dieser Atem erzeugt innere Hitze und hält den Fokus aufrecht.
5. Pratyahara (Rückzug der Sinne)
Während der Praxis lernst du, deine Aufmerksamkeit nach innen zu richten, weg von äußeren Ablenkungen. Die Drishti (Blickpunkte) im Ashtanga unterstützen dieses Glied.
6. Dharana (Konzentration)
Den Geist auf einen einzigen Punkt ausrichten. Im Ashtanga erzeugt die Kombination aus Atem, Bewegung und Drishti einen konzentrierten, meditativen Zustand, der Tristhana genannt wird.
7. Dhyana (Meditation)
Wenn die Konzentration anhaltend und ununterbrochen wird, vertieft sie sich ganz natürlich zur Meditation. Eine fließende Ashtanga-Praxis ist im besten Fall eine Meditation in Bewegung.
8. Samadhi (Einheit)
Das höchste Ziel des Yoga: ein Zustand glückseliger Versenkung, in dem das Selbst mit dem universellen Bewusstsein verschmilzt. Auch wenn Samadhi für Anfänger weit entfernt scheinen mag – jede Praxis ist ein Schritt auf diesem Weg.
Die Primary Series: Dein Ausgangspunkt
Das Ashtanga-System umfasst sechs Serien, aber praktisch jeder Praktizierende beginnt mit der Primary Series, bekannt als Yoga Chikitsa (Yoga-Therapie). Diese Serie soll den Körper entgiften und ausrichten. Sie umfasst etwa 75 Haltungen und dauert in voller Länge rund 90 Minuten. Für eine tiefere Auseinandersetzung lies unseren ausführlichen Guide zur Ashtanga Primary Series und ihrer heiligen Abfolge.
Aufbau der Primary Series
- Eröffnungsmantra: Ein Sanskrit-Gebet zu Ehren der Lehrerlinie
- Sonnengrüße: 5 Runden Surya Namaskara A und 5 Runden Surya Namaskara B
- Stehende Sequenz: Grundlegende Standhaltungen wie Padangusthasana, Trikonasana, Parsvakonasana und die Krieger-Haltungen
- Sitzende Sequenz: Das Herzstück der Primary Series mit Vorbeugen, Drehungen und Hüftöffnern wie Janu Sirsasana, Marichyasana und Navasana
- Abschlusssequenz: Umkehrhaltungen (Schulterstand, Kopfstand), Rückbeugen (Urdhva Dhanurasana) und abschließende Haltungen
- Schlussmantra: Ein Gebet für Frieden und Wohlergehen aller Wesen



